Frank und Patrik Riklin lancieren erstes Auto, das mit Worten fährt

«Quatschmobil» ist eine Vision für Schweizer Städte, bei dem Autos mit „sprechen“ in Fahrt kommen. Benzin allein reicht nicht. Das gesprochene Wort wird zum Treibstoff. Jeder Fahrgast fährt kostenlos, sobald und solange er zu einer spezifischen Frage quatscht. Chauffiert wird er von einem Mitbewohner aus der Bevölkerung. Dies mit sozialem Nebeneffekt: Pro zehn gefahrene Kilometer wird unmittelbar eine Aktion ausgelöst. In Luzern an der Baselstrasse. Zum Beispiel ein kostenloser Haarschnitt, eine Schuhreparatur oder eine spendierte Pizza. Ziel ist, fremde Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und Situationen zu schaffen, die sich positiv auf das Stadtklima auswirken. Dabei soll die soziale und kulturelle Stadtentwicklung (Identitätsbildung) auf ungewohnte Weise gefördert werden.

Kunst als Potenzial für Stadtentwicklung

Hinter dieser Idee stecken die Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin vom St. Galler Atelier für Sonderaufgaben. Ihre Idee wird im Rahmen des Forschungsprojekts ‹Stadt auf Achse› der Hochschule Luzern und der Zürcher Hochschule der Künste lanciert. Sie versucht, das Potenzial von Kunst in Stadtentwicklungsprozessen zu untersuchen. Wie würden sich Schweizer Städte verändern, wenn spezifisches „Quatschen“ kostenlose Fahrten auslösen würden? Welche Dynamiken würden sich entwickeln? Gibt es überhaupt Leute, die in ein «Quatschmobil» einsteigen würden? Diesen Fragen geht das «Quatschmobil» bei seiner Jungfernfahrt auf die Spur.

Ob die Vision «Quatschmobil» eine ernstzunehmende Alternative zu gängigen Fortbewegungsmitteln wie Auto, Taxi, Bus oder Tram ist, bleibt offen. Interessant wird sein, wie sich die Luzerner Stadtverwaltung zu dieser Vision äussert, die Teil der Forschungsarbeit «Stadt auf Achse» ist. Und ob sie die Idee der Riklin-Brüder in Zukunft als Werkzeug für Stadtentwicklungsprozesse weiterverfolgen wird.

Quatschmobil als Gegenbewegung

Das «Quatschmobil» ist eine gesellschaftliche Gegenbewegung. Ein Konzept zwischen Geben, Nehmen und Auslösen. Sie findet in enger Zusammenarbeit mit der Bevölkerung statt. Das Vorwärtskommen bedingt ein Gespräch – auf nichtmonetärer Basis. Die Währung heisst Dialog zu einer bestimmten Fragestellung. Nicht Geld. Denkweisen werden zum Kapital. Diese Vorzeichen stehen im Kontrast zur Realität. Sie offerieren mittels Quatschen eine spielerisch-absurde Alternative der individuellen Fortbewegung im öffentlichen Stadtraumverkehr. Das Face-to-Face-Quatschen erhält einen neuen Stellenwert. Es schafft spontanen Kontakt zwischen Menschen in Quartieren.

Vision für Schweizer Städte

Das Konzept «Quatschmobil» von Frank und Patrik Riklin ist eine Vision für Schweizer Städte und Regionen. Es erweitert Konzepte wie das Carsharing. Der dreitägige Prototyp des Quatschmobils untersucht künstlerische Strategien zur Entwicklung von Stadtquartieren. Fragestellungen des KTI-Forschungsprojekts «Stadt auf Achse» werden ausgetestet und angewendet – zugunsten eines sich verändernden „Klimawandels“ auf soziologischer und lebensqualitativer Ebene. Die übergeordnete Fragestellung von «Stadt auf Achse» lautet: Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Kunst und der Bevölkerung so optimiert werden, dass das Potenzial von Kunst und künstlerischer Praxis für die Entwicklung von städtischen Räumen eingesetzt werden kann? Die Riklins sehen die spielerische Praxis des «Quatschmobil» nachhaltig als Werkzeug für Stadtentwicklungsprozesse und Belebung von Stadtquartieren.

Überfall auf die Wirklichkeit

Die Praxis dieses ungewohnten Deals „Sprich mit mir. Ich fahre Dich!“ provoziert unübliche Vernetzungen und Gemeinschaften, weicht soziale Verkrustungen auf und initiiert den direkten Dialog zugunsten aktueller Stadtentwicklungsprozesse. Niederschwellig und volksnah. Ein Überfall auf die Wirklichkeit, als neues Angebot im gesellschaftlichen Raum – zugunsten von Themen, die die Stadt interessiert.

Quatschen macht mobil

Die Idee des «Quatschmobil» hat das Ziel, das Sprechen resp. Quatschen im Alltag der Menschen so zu institutionalisieren, dass individuelles Denken und Handeln einen Wert bekommen. Ganz nach dem Motto: Mobil durch quatschen. Ein im Vorfeld bestimmter Inhalt des Beifahrers (Moderator) wird zum Motor des «Quatschmobil». Sobald gequatscht wird, fährt das Auto. Wenn nicht, bleibt das Auto stehen.

Chauffeure und Moderatoren aus der Bevölkerung

Das Quatschmobil soll eine identifikatorische Wirkung erzielen. Ueberspitzt formuliert: Die Bevölkerung teilt sich einen Chauffeurjob. Der kuriose Fahrservice wird durch Menschen aus der Stadt beseelt: Einerseits mit Menschen, die in die Rolle des Chauffeurs schlüpfen (Lenker), andererseits mit Menschen aus der Stadtverwaltung, die die Rolle des Fragenden (Moderator) einnehmen. Letztere bestimmen den Inhalt, wozu spezifische Fragen gestellt werden. Sie finanzieren auch den Chauffeur und die Unkosten des Autos. Lenker und Moderatoren mischen sich zufällig. Längerfristig ist eine Agentur für das «Quatschmobil» angedacht, die organisiert, zu welchem Zeitpunkt Lenker und Moderator unterwegs sind.

Quatschen zu einer bestimmten Frage

Einzige Bedingung zum kostenlosen Fahrservice: Quatschen zu einer spezifischen Frage. Der Intellekt ist beim «Quatschmobil» keine Voraussetzung. Das «Quatschmobil» ist für alle sozialen Schichten, Kulturen und Generationen gedacht. Jedoch erst ab 18 Jahren. Kinder dürfen nur in Begleitung einer erwachsenen Person ins Auto steigen